Gedenkhalle

Die letzte Kolumne

Kann man eigentlich eine Kolumne über den Tod schreiben? Einen leichten, lockeren Text über ein so schweres Thema? Oder ist der Tod wirklich so unnahbar, wie es manchmal scheint? Nun, eines ist er definitiv: Eine der wenigen Sicherheiten des modernen Lebens, er wird uns allen begegnen. Ein guter Grund, sich mit ihm anzufreunden, ihn zu bedenken, über ihn zu reden und zu schreiben.

  

Mich interessieren alle Aspekte des Todes. Dabei bin ich neugierig,
offen und manchmal ungeduldig. In der Letzten Kolumne will ich von
meinen Erfahrungen berichten. 
Ich freue mich auf Sie!  

Ihre Juliane Uhl

Dass keiner störpt

Meine Tochter ist in der ersten Klasse. Im Ethikunterricht hat sie vor einigen Tagen ein Buch über ihre Familie gebastelt. Eine Frage darin war: „Was wünscht du dir für deine Familie?“

Das siebenjährige Mädchen schrieb als Antwort: „dass keiner störpt“.

Sie möchte niemanden gehen lassen, denn sie weiß, was es bedeutet, wenn der Tod in die Familie kommt. Als sie zwei Jahre alt war, ist ihre Oma in unserem Wohnzimmer gestorben. Erinnern kann sie sich daran nicht, aber sie hört immer wieder, wie wir davon reden.

Sie weiß, dass jeder sterben muss und denkt, dass dies in der Reihenfolge geschieht, wie man geboren wurde. Als nächstes wären demnach ihre Urgroßeltern an der Reihe. Der Gedanke daran, dass sie in ihrem hohen Alter jedes Jahr sterben könnten, bedrückt auch mich. Aber wir werden dem nicht ausweichen können. Der Tod wird kommen, früher, später, irgendwann.

Meine Tochter wünscht sich, dass sie noch mehr Zeit mit ihnen hat und vor allem mit uns, ihren Eltern. Vielleicht wäre es toll für sie, wenn wir alle unsterblich wären. Doch wenn man das zu Ende denkt, was würde dann für ein Bild entstehen? Wir besuchen meine Großeltern jetzt immer öfter, um sie noch häufig zu sehen. Würden wir das tun, wenn sie unsterblich wären? Wann würde man eigentlich aufhören, sich zu entwickeln, wenn wir nie dem Tod begegnen würden? Wäre mein Kind dann immer ein Kind?

Meine Tochter weiß, dass es Kinder, Erwachsene und Alte gibt. Und sie weiß, dass alles stirbt: Fliegen, Kaninchen und eben auch Urgroßeltern. Und sie weiß auch, dass das so in Ordnung ist.

Die Leere

Da bleibt immer Leere, wenn einer geht.
Ein Loch, eine Lücke, ein Vakuum im Raum.
Da kommt immer Schwere, wenn einer geht.
Eine Last, eine Bürde, ein schrecklicher Traum.

Da steht stets die Frage, welchen Sinn das hat,
dass keiner kommt, wenn einer geht.
Und dann ist da einer, den fragst du um Rat,
dann ist da einer, der bei dir steht.

Die Trennung von einem, kann eine Verbindung bringen,
die man selbst noch nie gedacht.
Man muss den Schmerz nicht allein bezwingen,
muss nicht allein durch diese Nacht.

Wir Menschen stehen einander bei,
in guten und schlechten Tagen,
nur zusammen bleiben wir frei,
drum lasst uns Dieses wagen:

Einander helfen, achten und ehren,
und niemanden verletzen,
niemandem die Hand verwehren,
und innigst das Leben schätzen.
Gemeinsam das nächste Jahr beginnen,
mehr sein und weniger streben.
Die Zeit wird von allein verrinnen,
wir sollten möglichst viel leben.

Ich wünsche allen Leserinnen und Leser der letzten Kolumne ein ruhiges Weihnachtsfest und viele schöne Stunden mit Freunden und Familie. Kommen Sie gut in das neue Jahr – es wird turbulent werden. Achten Sie auf sich!

Wenn die Geister wieder laufen

Eigentlich wollte ich einen Text über die Rolle der Bestatter schreiben, doch dann stellte ich beim Schreiben des Datums fest, dass schon wieder Halloween ist. All Hallow´s Eve geht wohl auf ein heidnisches Totenfest zurück, bei dem die Kelten glaubten, dass die Toten wieder heimkehren würden. Die Iren haben diesen Brauch mit in die USA genommen und heraus kam, ein buntes Fest der Gespenster und Gruselmonster, das inzwischen die ganze Welt erobert hat und urtümlichen Bräuchen, wie auch dem Dia de los muertos in Mexiko Konkurrenz macht. Während es bei diesen regionalen Gedenkritualen tatsächlich noch um eine gemeinschaftliche Erinnerung an die Verstorbenen geht, so wie auch bei den bald folgenden Gedenktagen Allerheiligen, Allerseelen und dem Totensonntag, ist Halloween ein reines „Party-Fest“ geworden. Kinder und Jugendlichen verkleiden sich als Geister, Horrorfiguren oder Monster und ziehen von Haus zu Haus, um Süßigkeiten zu bekommen. „Süßes oder Saures“ heißt es. Bei uns hier im Viertel gilt die Regel, dass nur dort geklingelt wird, wo ein Kürbis leuchtet. An anderer Stelle ist nichts zu erwarten. Dennoch werden jedes Jahr dunkle, ja fast verbarrikadierte Häuser verunstaltet, weil es dort nichts zu holen gab. Da klebt Zahnpasta an der Türklinke und der Garten ist voller Klopapier.

Ich mache mich also mit gemischten Gefühlen auf in den alljährlichen Kampf um die Süßigkeiten. Meine zweijährige Tochter sagt, nachdem sie zwei Bonbons eingesammelt hat, dass es nun reicht und dass sie keinen Platz mehr hat. Die Große ist wesentlich fleißiger und die Menschen freuen sich, über die geschminkten Kleinen, die mit großen Augen vor den Türen stehen. Aber meine Kinder haben auch ein wenig Angst. Angst vor den Skeletten und maskierten Totengesichtern. Ich erinnere mich daran, dass mir eine Trauerbegleiterin von der kleinen Nele erzählt hat. Das Kind wollte die kranke Oma nicht mehr besuchen, weil sie Angst hatte, dass die Großmutter in ihrem Beisein sterben würde. Und dann würde sie, so zumindest stellte Nele sich das vor, ein Skelett werden. Sofort. Direkt im Bett. Woher Nele das hatte? Von ihren Ausflügen zu Halloween. All ihr Wissen über den Tod hatte sie von dieser Gruselveranstaltung. Niemand hatte ihr erklärt, was es bedeutet, wenn jemand stirbt.

Wenn wir die Kinder also in diese Geisterwelten schicken, dann sollten wir ihnen auch ab und zu erklären, was eigentlich die Realität ist.

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Neulich war ich Gast in einem Hauskreis einer evangelischen Kirchengemeinde. Wir, ca. 15 Damen und Herren und ich, saßen unter einem knorrigen Kirschbaum und wollten uns über den Tod unterhalten. Der gastgebende Pfarrer begann den Abend mit der an sich selbst gestellten Frage, ob das Thema Tod denn tatsächlich in diese schöne Jahreszeit passt.

Kann und soll man über den Tod reden, wenn draußen die Sonne scheint?

Nun, ich sehe das erstmal sehr pragmatisch: Wann, wenn nicht jetzt? Wenn die Sonne scheint und die gute Laune uns durch den Tag trägt, dann werden wir doch ein bisschen Todesgerede verkraften können. Mehr noch, ich erlebe immer wieder, dass bei gutem Wetter und feiner Stimmung die Gespräche viel besser sind. Die Menschen erzählen ihre Geschichten, sie weinen auch, wenn die Erinnerungen sie wieder erreichen. Und dann reagieren die anderen darauf und man kommt in ein Gespräch und es tut einfach nur gut. Es ist gut, Belastendes sagen zu können und es ist gut, durch diese Art von Auseinandersetzung, die auch sehr intim ist, ein Stück zusammen zu wachsen – und sei es auch nur für einen Abend.

Stellen Sie sich vor, diese vermeintlich schweren Gespräche fallen in eine Zeit der Dunkelheit, wo draußen alles grau ist, und die eigene Stimmung bereits im Keller. Da kann das Thema doch viel mehr belasten.

Ein anderer Gedanke ist, dass immer gestorben wird (übrigens vermehrt im Mai, sagt mein Chef, wenn das Wetter wieder wärmer wird). Wenn also immer gestorben wird, dann kann man das auch immer thematisieren. Doch wo? Wo kann man über den Tod reden? Es gibt Experten – den Bestatter, den Arzt, den Anwalt oder Trauergruppen. Doch die sind meist erst Anlaufpunkt, wenn jemand gestorben ist. Über den Tod im Allgemeinen jedoch wird recht wenig gesprochen. Dabei gehen wir alle darauf zu, es gibt Ängste, Bedenken, Fragen, Erinnerungen an Verstorbene. Mit wem bespricht man die, wenn jeder gleich sagt: „Ach Mensch, rede nicht davon. Du stirbst doch noch nicht.“ Es gibt keinen definierten Ort, wo solche Gespräche stattfinden. Aber sie können geschaffen werden, durch Gesprächskreise, Kaffeetische, Lesungen oder durch offen ausgesprochene Fragen – unabhängig von Ort und Zeit: „Was ist das für dich, der Tod?“

Bestattungskultur und ein totes Kaninchen

Manchmal geschieht etwas im Leben, das all die komplizierten Antworten auf die einfachen Fragen runterbricht auf ein JA oder ein NEIN. Und wenn es nur um das Leben eines Zwergkaninchens geht.

Seit einigen Wochen quälte sich unser altersschwaches Haustier nun schon durch sein Kaninchenleben. Immer wieder haben wir uns und auch dem Tierarzt die Frage gestellt, was denn nun die beste Lösung für das arme Tier sei. Am Ende ging es um die Frage, ob wir Sterbehilfe leisten müssen, oder eben nicht. Bei Tieren nennt man es natürlich nicht Sterbehilfe, sondern Erlösung, Einschläfern.

In meinem Buch Drei Liter Tod habe ich mich ausführlich mit diesem Thema Sterbehilfe bei Menschen auseinander gesetzt und eine recht konservative Haltung eingenommen. Ich war konsequent gegen Sterbehilfe, weil ich befürchtete, dass diese eine medizinische Alternative werden könnte, die das Sterben auf Rezept zur Alltäglichkeit werden lässt. Diese Befürchtung habe ich immer noch und steigende Zahlen in den Niederlanden geben mir da Recht. Dennoch kann ich den Wunsch, das eigene Leben im Angesicht eines qualvollen Todes würdevoll zu beenden, inzwischen sehr gut nachvollziehen. Ich glaube aber, dass der Weg bis zu dieser Entscheidung die Lösung in sich birgt. Denn würde die sinnlose Lebens- bzw. Sterbeverlängerung durch die Medizin neu bewertet werden, müsste sich die Frage der Sterbehilfe vielleicht nicht mehr stellen.                              

Unser Kaninchen aber hatte ein sehr langes Leben und dieses wurde auch nicht durch uns in die Länge gezogen. Es war einfach sehr alt und sehr schwach, wollte aber noch nicht sterben. Ausschlaggebend für unsere Entscheidung war, dass sich in einer offenen Wunde bereits Fliegen abgesetzt hatten, die das Tier zusätzlich stressten. Nach dem der Tierarzt schon vor einigen Wochen zu einem von ihm herbei geführten Ende geraten hatte, haben auch wir uns gestern dafür entschieden. Es war einfach nichts mehr zu machen. Dennoch hatte ich ein schlechtes Gewissen und habe mir die Frage gestellt, ob das Kaninchenleben für selbiges denn nicht trotzdem noch lebenswert war. Niemand kann mir das beantworten. Wer beantwortet diese Frage, wenn es um Menschen geht, die sich nicht mehr artikulieren können?

Unser Kaninchen wurde gestern eingeschläfert. Nach zwei Spritzen ist es eingeschlafen, dann blieb das Herz stehen. „Wir nehmen ihn aber mit nach Hause, Mama“ forderte meine Tochter. Es war ihr unheimlich wichtig, den toten Körper selbst begraben, etwas tun zu können. Am Abend haben wir also einen Sarg gebaut, Blumen und ein bisschen Löwenzahn für die letzte Reise hineingelegt und dann ein tiefes Loch gebuddelt. Dort setzten wir das Kaninchen feierlich bei. Noch am Grab stehend sagte mein Kind: „Nun kann er mit den Tieren unter der Erde spielen.“ „Ja, sagte ich, das kann er.“ Danach gingen wir zum Leichenschmaus ins Haus und meine Tochter war die Kellnerin.

Haltet die Welt an

Der Frühling sollte eigentlich kommen. Noch ist es kühl und ich traue mich kaum vor die Tür meines neuen Büros, das Der tote Winkel heißt. So beobachte ich von hier drinnen, wie die Menschen vorbei zur Straßenbahn hasten, immer unter Zeitdruck, immer unterwegs.

Als ich letztens mit dem Kabarettisten Uwe Steimle einen Beitrag im Krematorium drehte, haben wir uns vor allem über eines unterhalten: Über die Zeit. Die Menschen scheinen sich der Zeit und den Terminen unterworfen zu haben, da waren wir uns einig. Wieso können wir nicht einfach mal anhalten und den Wind an uns vorbei ziehen lassen, statt ihn ständig zu erzeugen?

Wenn früher jemand gestorben ist, hat man in manchen Regionen die Uhr angehalten – die Zeit blieb in diesem Moment stehen. Auch in konservativeren Gegenden Italiens wird heute noch alles zum Erliegen gebracht, wenn ein Leichenzug durch die Dorfstraßen zieht. Alles hält an, wenn einer gegangen ist. Denn in diesem Moment zollt man dem Verstorbenen Respekt. Vielmehr noch, besinnt man sich aber auch seiner eigenen Sterblichkeit, seiner eigenen Menschlichkeit.

Als vor wenigen Wochen mein Großvater an einem Sonntag gestorben ist, konnte ich nicht zur Ruhe kommen, um das zu begreifen. Zu stark hatte mich mein Alltag im Griff, zu vieles musste erledigt werden. Doch ich merkte, dass ich inne halten und das begreifen musste. Also bin ich ins Krematorium gefahren und habe ihn mir noch einmal angesehen. In diesem Moment, als ich ihn ein letztes Mal sehen und seine Hand berühren konnte, stand alles still.

„Haltet die Welt an“ heißt ein Lied der Band Glashaus. „Haltet die Welt an, denn dass sie sich weiter dreht, ist für mich nicht zu begreifen, merkt sie nicht, dass einer fehlt“ singt die Sängerin in dem Song. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bricht oft eine Welt für die Angehörigen zusammen, die Zeit steht still. Diesen Stillstand braucht es, um das Geschehene zu verstehen. Gemeinsam wahrgenommen und ausgehalten ist dieser Stillstand gelebte Trauerkultur.

Neubeginn

Das neue Jahr ist wie ein Fenster, das sich weit öffnet und frischen Wind in das Leben bringt. Nach den Feiertagen in der aufgestauten Wärme der vergangenen Monate, der Völlerei der vielen Weihnachtsessen und den bequemen Stunden tut es gut, durchzuatmen und das alte heraus zu lassen. Nun macht man Pläne für das neue Jahr, um seinen Wünschen und Träumen wenigstens ein Stück näher zu kommen. Ein Jahresbeginn ist wie die Option eines Aufbruchs. Es ist, als würde endlich klar werden, dass nun der Rest des Lebens anfängt.

Wenn ich darüber nachdenke, was ich noch tun und erreichen, was ich sehen und spüren,  wie ich leben will, dann verschiebe ich diese Gedanken in der Zeit weiter nach vorn. „Irgendwann werde ich mal nach St. Petersburg reisen. Wenn ich älter bin, werde ich mal pilgern. Ich werde mehr schreiben, wenn ich mal mehr Zeit habe, weil die Kinder aus dem Haus sind.“ Die große Aufschieberei. Auch das neue Jahr ist ein Punkt, auf den ich meine Pläne geschoben habe. Wir wissen, wie das mit den Vorsätzen ist. Sie verschwinden einfach wieder zwischen den Ritzen des Alltags, aus denen sie einst euphorisch hervorgeschwemmt wurden. Und dann schiebt man wieder auf, was man leben wollte, glaubt, dass die Zeit es irgendwann möglich macht.

Aber die Zeit macht nichts möglich, dafür sind wir selbst verantwortlich. Wenn ich in den Papieren, die hier bei uns eingehen, sehe, dass junge Menschen gestorben sind, dann wird mir immer wieder bewusst, dass man sich nicht auf die Zeit verlassen kann. Sie schützt nicht, sie verspricht nicht, sie hilft nicht. Zeit ist einfach nur da und wir selbst entscheiden jeden Tag aufs Neue, wie wir sie nutzen. Wir sind eingebunden in Pflichten und Verantwortung, dennoch ist es unser Leben. Und dieses Leben duldet keinen Aufschub.

Wenn ich einmal sterbe,  möchte ich nicht traurig darüber sein, dass ich noch nicht angefangen habe zu leben. Ich will froh sein, gelebt zu haben. Jeden Tag fängt der Rest unseres Lebens an, nutzen wir ihn.


Juliane Uhl

 

Die Sache mit dem großen Grab - Teil 1

Wenn ich hier über den alten Friedhof gehe, dann kann ich sehen, dass die großen Gräber verschwinden. Zwar gibt es hier und dort noch eine alte Anlage mit einem großen Stein aus schwedischem Marmor, ab und zu sehe ich sogar noch eine kunstvolle Figur an einem Grab stehen, doch neue große Gräber kommen kaum noch hinzu. Meist werden Urnen beigesetzt, in kleinen gleichmäßigen Quadranten. Meist passt in so Grab mehr als eine Urne, bis zu vier können versenkt werden. Auf den Gräbern stehen sich ähnelnde Grabsteine, manche liegen in Form eines aufgeschlagenen Buches. Sie sind recht einheitlich beschriftet mit den Daten der Verstorbenen, auf manchen steht nur noch der Familienname – ein Sammelbegriff für die Überreste der Menschen.

Es gibt da einen Künstler aus Berlin, Erik Niedling, der will sich eine Pyramide aus einem Berg schlagen und darin begraben werden. Das größte Grabmal der Welt soll es werden. Ambitioniertes Projekt dachte ich, als ich zum ersten Mal davon las. Nun, da ich mich mehr damit auseinander gesetzt habe, um einen umfassenden Artikel für ein Magazin für Endlichkeitskultur zu schreiben, gefällt mir die Idee und ich habe sie für mich angepasst.

Ich will jetzt auch ein großes Grab, keine Pyramide, aber mehr als nur das 08/15 Urnenloch. Vor vier Jahren hat meine Familie eine Grabstelle gekauft, da ist noch Platz für drei Urnen. Praktisch, dachte ich damals. Aber nun will ich doch meine eigene Stelle, mit einem Stein, der von mir oder für mich gestaltet wurde. Nun mag man denken, dass das Quatsch ist, weil ich, wenn ich einmal tot bin, dies ja nicht mehr wertschätzen kann. Das ist richtig, dann kann ich das nicht mehr. Aber wenn ich mir jetzt ein altes Grab kaufe, als Patenschaft vielleicht, und es dann pflege und für mich plane, dann kann ich das jetzt genießen. Ich weiß dann jetzt schon, wo ich mal landen werde. Außerdem kann ich ein altes Grab erhalten, das zur Geschichte dieser Stadt gehört.

Doch das wichtigste für mich ist, dass ich auch einmal zu dieser Geschichte gehören möchte, dass ich ein Leben führen und etwas erreichen will, das eine solche Grabstelle für mich rechtfertigt. Es gibt also zwei Dinge für mich zu tun: Zuerst muss ich ein Grab finden und mir ein Modell überlegen, wie ich das finanziere. Und dann muss ich etwas Gutes vollbringen, von dem auf meinem Grabstein erzählt werden kann.

 

… Fortsetzung folgt

  

 

Weihnachten in Familie

Jetzt kommen sie wieder, diese besinnlichen Tage, in denen man so eng beieinander ist, sich trifft, gemeinsam isst und Geschenke schenkt, die Zeit in Familie verbringt. Und in dieser Zeit fällt am meisten auf, dass jemand fehlt.

Das erste Weihnachtsfest nach dem Tod eines Freundes oder eines Familienangehörigen ist wohl das Schlimmste. Der freie Platz am Tisch, das zu viel eingedeckte Geschirr, das unbenutzte Glas – alles verweist auf das Fehlen eines Stückes im Ganzen. Schmerzlich vermisst man jemanden, der nie wieder kommen wird.

Mit den Jahren wird dieser Schmerz kleiner und man fokussiert sich wieder mehr auf die Menschen, die da sind, mit denen man reden und die man berühren kann.

Am 24. Dezember, wenn die Kinder mit leuchtenden Augen ihre Geschenke auspacken und unter dem Weihnachtsbaum über die Lichter staunen, dann denke ich an meine Schwiegermutter, die vor vier Jahren gestorben ist. Ich spreche diesen Gedanken aus und gemeinsam erinnern wir uns daran, wie es war, als sie Weihnachten noch mit uns feiern konnte. Das sind schöne Erinnerungen, vor allem die Kleinigkeiten, die immer wieder kehrten und so typisch waren. Und dann denken wir auch daran, wie es hätte sein können, wenn sie jetzt noch da wäre und ihre beiden Enkeltöchter beim Spielen sehen könnte. Diese Gedanken sind traurig, denn der Verlust wird so deutlich. So klar sehen wir, was nicht sein kann. Doch Weihnachten ist ein Fest der Familie und diese Gedanken gehören dazu.

Während der ruhigen Momente zur Weihnachtszeit wird mir immer wieder bewusst, wie kostbar die Zeit ist, die man zusammen hat, die man mit Freunden und Familie leben kann. Und ich wünsche mir, dass wir das schätzen und gerade diese Moment suchen und herbeiführen – in denen das Miteinander das Größte ist.
 

Frohe Weihachten und einen gutes neues Jahr.

Juliane Uhl

 

November – Monat der Toten

Im November häufen sich wieder die Berichte über das Thema Tod. Schon jetzt Mitte Oktober begegnen mir Sendungen und Zeitungsartikel über Sterben, Abschiednahme und neue Projekte aus der dunklen Branche.

Doch warum immer erst zum Ende des Jahres?
Nun, im November liegen die Trauertage Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag.

Man gedenkt der verdammten Seelen, der Opfer von Kriegen und der Toten überhaupt. Doch was bringt uns das eigentlich? Nun, für viele Menschen sind diese Tage die Gelegenheit, um mal auf den Friedhof zu gehen, Gräber segnen zu lassen und für den Winter vorzubereiten. Doch neben diesen ganz praktischen Aspekten geht es auch um unsere Wahrnehmung vom Tod, denn an diesen Tagen reden wir mal über das unbeliebte Thema. Wir treffen andere Menschen, die im Jahr zuvor jemanden verloren haben, die trauern und gedenken. Und wir werden durch viele Veranstaltungen animiert, dem Tod einen Platz in unserem Leben zu geben.

In Halle findet am 31. Oktober 2015 in der Großen Feierhalle das Konzert für alle Seelen statt. Zum Totensonntag
(22. November 2015) wird es auf dem Gertraudenfriedhof wieder eine Veranstaltung der Pietät Halle geben. Auch das Flamarium in Osmünde lädt zum Tag der offenen Tür mit einem Gottesdienst in St. Petrus und einem Konzert des Streichquartetts der Martin-Luther-Universität. 

Die Gedenktage sind eine gute Möglichkeit, um zu gedenken und vor allem auch um anderen zu begegnen. 

 

Das öffentliche Sterben

Als ich vor einigen Wochen das Buch Öffentliches Sterben von Dr. Reiner Sörries erstmals in den Händen hielt, wusste ich noch nicht viel von den Menschen, die sich öffentlich zu ihrem Sterben bekennen. Sörries, der das Museum für Sepulkralkultur in Kassel leitet und ein Experte für die Bestattungs- und Todeskultur ist, plädiert im Titel seines Buches für mehr Intimität. Ich stelle mir die Frage, was das öffentliche Sterben, soll heißen, die Veröffentlichung der todbringenden Diagnose und der publikumswirksamen Auseinandersetzung mit dem Sterben, mit mir machen.

Es gibt da drei Fälle, die ich ansprechen möchte und die medial einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben: Helena Zumstande (+2015), Brittany Maynard (+2014) und Randy Pausch (+2008).

Helena Zumstande war 14 Jahre alt, als sie sich in der Castingshow Deutschland sucht den Superstar anmeldete. Sie war talentiert, aber zu jung für das Format. Ihr Traum vom Singen blieb. Im Oktober 2014 erhielt Helena die Information, dass sie an Magenkrebs leidet. Heute, Anfang September 2015 ist sie tot. Man konnte Anteil nehmen, denn Helenas Krebskrankheit war immer Thema, wenn sie öffentlich im Internet sang. Ihr Ziel, in ein Tonstudio zu gehen und einen Song aufzunehmen, hat sie erreicht. Dennoch, dieses Leben war viel zu kurz. Wenn ich mir das Video von Helena ansehe, in dem sie den Song „Wie schön du bist“ von Sarah Connor nachsingt, dann bin ich davon tief berührt. Diese Stimme zu hören, die über die wahre Schönheit eines Menschen singt, diese großen Augen, die in die Kamera sehen, mit der Gewissheit, dass es bald vorbei sein wird. Das ist einfach ergreifend. Ich spiele mit dem Gedanken, was ich tun würde, wenn ich wüsste, dass ich noch ein paar Monate zu leben habe. Was würde ich anders machen? Wie würde ich leben? Und was weiß ich schon über den Zeitpunkt meines Endes?

Brittany Maynard war 29 Jahre alt, als sie die Medikamente einnahm, die sie sterben ließen. Nachdem sie am Neujahrstag 2014 erfahren hatte, dass sie einen Hirntumor und nur noch sechs Monate zu leben hat, entschied sie sich, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Sie zog dafür nach Oregon /USA. Ihre Entscheidung und ihren Weg zum finalen Tag konnte man in den Medien nachvollziehen. Sie löste eine große Debatte zum Thema Sterbehilfe in Amerika aus, die bis heute andauert und zurzeit mit dem End of life option act in Kalifornien ganz aktuell diskutiert wird. Diese junge Frau im Video zu sehen und zu hören, die in vollem Bewusstsein, ihren Tod plant, holt mich aus meiner komfortablen Theoriezone raus, in der ich gegen die Sterbehilfe als Teil des medizinischen Systems bin. Wenn man plötzlich ein Gesicht zu einem Thema hat, denkt man noch mal anders darüber nach.

Und dann ist bzw. war da noch Randy Pausch von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh / Pennsylvania. Der Professor für Informatik starb 2008 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ein Jahr zuvor hielt er seine letzte Vorlesung an der Uni. Es ist Brauch, dass ein Professor, der das Institut verlässt, diese sogenannte last lecture hält. Bei Pausch war das Besondere, dass es tatsächlich seine allerletzte Vorlesung sein würde. Er ging damals davon aus, dass er nur noch zwei Monate zu leben hatte. In seinem Vortrag sprach er davon, wie man seine Kindheitsträume erreichen kann und beschrieb seinen Lebensweg. Man kann diese Vorlesung online anschauen und ich glaube, jeder kann sich daraus einige Lebensweisheiten mitnehmen. Am Ende aber sagte Pausch, war es vor allem ein Vortrag für seine Kinder, damit sie sich einmal ein Bild von ihrem Vater machen können.

Diese drei Beispiele für öffentliches Sterben machen etwas mit mir, denn wenn man lebende Menschen sieht, deren Tod bevorsteht und beobachtet, wie sie damit umgehen, dann kann das inspirierend sein. Selten wurde mir bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann.

Videos:

Helena Zumsande
https://www.youtube.com/watch?v=PWe0GMkERn4

Brittany Maynard
http://www.focus.de/panorama/videos/todkranke-britin-im-video-hier-nimmt-brittany-maynard-abschied_id_4244475.html

Randy Pausch
https://www.youtube.com/watch?v=ji5_MqicxSo

 

Bis das der Tod uns scheidet

Wenn ich morgens mit Rad zur Arbeit fahre, begegne ich immer einer alten Dame mit einer  französischen Bulldogge und einem Herren mit einem Beagle. Beide schlendern mit ihren Hunden durch die fast dörflichen Straßen, räumen ihre Hinterlassenschaften weg und erziehen sie, durch einen sanften Ruck an der Leine, wenn sie nicht von der Litfaßsäule wegwollen.

Nicht weit von meinem Haus befindet sich ein kleiner Tierpark, ein Projekt der Parität bei dem Menschen wieder an die Arbeit herangeführt werden. In der Mitte des Parks ist ein Tierfriedhof. Alle kleinen Gräber sind geschmückt und mit Blumen versehen, es gibt kleine Grabsteine und Kreuze, oft mit einem Foto vom geliebten Haustier.

Wenn man sich also einerseits die wachsende Intensität der Beziehung Mensch-Tier anschaut und zum anderen die postmortale Liebe und Verehrung, dann fragt man sich fast, warum es erst jetzt Friedhöfe gibt, die Herrchen und Bello und Frauchen und Bella gemeinsam ein Grab anbieten. Sie wusste noch gar nicht, dass das geht? Doch, doch. Seit Juni kann man in Deutschland gemeinsam mit seinem Haustier beigesetzt werden. Voraussetzung ist, dass sowohl Mensch als auch Tier kremiert werden, getrennt voneinander in verschiedenen dafür vorgesehenen Anlagen. Im Moment gibt es zwei Friedhöfe, in Brauchbach bei Koblenz und in Essen, die das Konzept Mensch-Tier-Bestattung unter dem Namen Unser Hafen anbieten.

Das Konzept hat ein riesiges Medienecho ausgelöst, in fast jeder Zeitung konnte man etwas darüber lesen. Die Meinungen gehen auseinander, sind aber meist positiv. Was ist daran auch schlecht zu finden, wenn eine Beziehung, die zu Lebzeiten so wichtig war, auch nach dem Tod weiter geführt werden kann. Hunde und Katzen spielen in einer Gegenwart, in der die Menschen immer öfter allein sind, eine große soziale und emotionale Rolle. Zu wissen, dass man einmal wieder beisammen sein wird, kann doch sehr tröstlich sein. Da Tiere bekanntlich weniger lang als Menschen leben, kann man sich übrigens auch ein Grab mit mehreren Tierstellen reservieren. Sollte der Fall eintreten, dass der Mensch zuerst stirbt, kann er verfügen, was mit dem Haustier später einmal geschehen soll. Dazu wird man dann auch vom Friedhofsanbieter direkt beraten.

Die Zeit wird zeigen, ob sich diese Idee weiter verbreitet und es wird auch spannend sein, ob Herrchen und Frauchen, dann vielleicht doch ein schönes Grab der Grünen Wiese vorziehen, damit zumindest der Hund einen eigenen Grabstein hat.
 

 

Vom Tod und vom Geld

Vor ein paar Wochen war ich bei einer Veranstaltung der FUNUS Stiftung. Zum Titel Geld spielt (k)eine Rolle gab es sechs Vorträge aus Deutschland und der Schweiz. Etwa vierzig Teilnehmer, vorrangig Bestatter, waren anwesend. Schnell war man sich einig, dass Geld sehr wohl eine Rolle spielt, wenn es um den Tod geht. Es gibt so viele Dinge, die erledigt werden müssen und wir haben uns irgendwann entschieden, diese Aufgaben in professionelle Hände zu legen. So kam es, dass inzwischen mehrere Gewerbe um die ca. 850.000 jährlichen Sterbefälle in Deutschland kämpfen. Bestatter, Krematorien, Trauerredner, Blumenhändler, Steinmetze, Druckereien und nun auch noch Online-Portale erbringen Dienstleistungen für die Angehörigen verstorbener Menschen. Es ist ein Markt entstanden, der zwar durch Angebot und Nachfrage beeinflusst wird, sich aber dennoch sehr speziell verhält.

Nehmen wir die klassische Beratungssituation beim Bestatter: Wir müssen etwas kaufen und jemand möchte uns etwas verkaufen. Bei vielen Bestattern sieht der Termin so aus, dass man nach einem Gespräch anfängt in einem Katalog zu blättern und Produkte auszuwählen. Von den Dingen, die man wirklich braucht – Sarg und eventuell eine Urne – bis zu den Sachen, die man außerdem noch kaufen kann. Eine klassische Verkaufssituation also. Das will aber keiner so sagen, denn der Bestatter möchte vorrangig als helfender und tröstender Unterstützer verstanden werden. Nichtsdestotrotz ist die Bestattung eine der teuersten Einzelinvestitionen, die wir im Leben tätigen. Es geht also um Geld. Der Unterschied zu normalem Marktverhalten ist, dass wir vorher keine Vergleiche ziehen. Wir gehen ins Bestattungshaus, wenn wir emotional äußerst angespannt sind und geben da mal eben zwischen zweitausend und sechstausend Euro aus. Der Bestatter berät uns natürlich auch in seinem Interesse, und das besteht darin, uns Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen, denn damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Unsere Kaufentscheidung treffen wir anhand von Gefühlen und auf der Basis von Vertrauen. Wenn es dann noch geschieht, dass Sie sich im Nachhinein über den Tisch gezogen fühlen, ist ihre eigentliche Trauer zur Wut geworden und das kann nicht gesund sein.

Ganz ehrlich, würden Sie derart uninformiert ein Auto oder eine neue Küche kaufen? Wohl kaum. Man würde Sie für verrückt erklären. Natürlich kann man den Sargkauf nicht mit anderen Einkäufen vergleichen, weil er so emotional besetzt ist. Dennoch bleibt dieser Bereich ein Geschäft, über das man nachdenken sollte.

Mit dem Tod wird Geld verdient. Auch mit Ihrem oder dem Ihrer Angehörigen. Informieren Sie sich deshalb und sprechen Sie miteinander über die letzten Wünsche. Denn solche Entscheidungen sollte man nicht treffen, wenn man eigentlich weinen will.

 

Wenn nur noch eine Kerze brennt

Nach dem Totensonntag atme ich auf, denn die offizielle Trauerzeit ist vorbei. Die Weihnachtsmärkte sind eröffnet, die Menschen freuen sich auf die Adventszeit. Es scheint, als wäre die Schwere aufgehoben, um der Ausgelassenheit des Glühweins und dem alljährlichen Vorweihnachtsstress zu weichen.

Doch es gibt noch einen Gedenktermin, der in der allgemeinen Wahrnehmung kaum existiert, der nicht so bekannt ist, wie die stillen Tage Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag. Jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember findet das Worldwide Candle Lighting statt – ein Ritual für Eltern und Großeltern, die eines Kindes gedenken. Am Abend des zweiten Advents um 19 Uhr stellen Eltern in der ganzen Welt eine Kerze in Erinnerung an ihr Kind in ein Fenster und erschaffen eine Lichtwelle, die 24 Stunden anhält.

Ich kann mir den Schmerz nicht vorstellen, den man erleidet, wenn man ein Kind verliert. Ich kann mir nur vorstellen, dass ich es nicht ertragen könnte. Gerade in der Weihnachtszeit, die die Zeit der Kinder ist, muss der Verlust doch zerreißen. Wenn statt leuchtender Kinderaugen nur eine Kerze im Fenster steht, wie kann man damit leben?

In Leipzig sitzt der Bundesverband für Verwaiste Eltern und Geschwister in Deutschland e.V. (VEID) und stützt Mütter, Väter, Schwestern, Brüder, Omas und Opas. Vor einem Jahr habe ich einige Betroffene kennen gelernt und gesehen, dass man damit leben kann. Viele sind an diesem Schmerz gewachsen, wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, um nicht daran zu zerbrechen. Sie treffen sich in Trauergruppen, besuchen gemeinsam Seminare, machen Ausflüge. Und einmal im Jahr verbinden sich alle Betroffenen rund um den Globus durch das Anzünden einer Kerze.

Das Candle Lighting ist ein Ritual für Betroffene, doch es soll auch ein Zeichen dafür sein, dass sie wahrgenommen werden. Der Tod eines Kindes ist auch für das Umfeld schwer fassbar, oft zerbrechen Beziehungen und Freundschaften. Eltern können ins Abseits geraten, da sich niemand ihrem Schmerz stellen will, da alle Beteiligten schlichtweg hilflos sind.

Halten Sie die Augen offen am 8. Dezember und schauen Sie, ob Sie ein Licht im Fenster sehen. Vielleicht leuchtet es für ein Kind, das zu wenig Zeit hatte, entzündet von Eltern, die nicht allein bleiben sollten. Schauen Sie hin - an diesem besonderen Abend.

 

Stille Tage - Volkstrauer, Totensonntag und Tanzverbot

Während dieser Tage die einen feuchtfröhlich die fünfte Jahreszeit beginnen und mit lautem Getöse und Bonbonregen den Stadtvätern die Gewalt abnehmen, leben die anderen Andacht und öffentliche Trauer.

Am Volkstrauertag, der in diesem Jahr auf den 17. November fällt, wird der Opfer von Kriegsgewalt auf der ganzen Welt gedacht. Sowohl im Bundestag als auch in den Städten und Gemeinden werden Reden gehalten, Kränze nieder gelegt und Musikstücke gespielt. Wir wissen, dass es vieler Opfer zu gedenken gibt, uns ist klar, dass viele Kriege auf der Welt viele Menschen das Leben kosten. Doch so richtig nehmen wir sie doch nicht wahr. Der letzte Krieg, der in den deutschen Nachrichten einen Platz fand, war der Bürgerkrieg in Syrien. Doch davon hört man nichts mehr, seit Assad versprochen hat, seine chemischen Waffen vernichten zu lassen. In der Wikipedia gibt es eine Liste der andauernden Kriege und Konflikte, darin findet man derzeit 13 Kriege, die zum Teil seit über fünfzig Jahren andauern. Denken wir an deren Opfer?

Denken wir an deren Opfer! Der Totensonntag nur eine Woche später, der letzte Sonntag vor dem ersten Advent, wurde von Friedrich Wilhelm dem Dritten 1816 zum Totengedenktag festgelegt. An diesem Tag finden an zahlreichen Orten in Halle und Umgebung Gedenkveranstaltungen statt. Es wird der Verstorbenen gedacht, oft unterstützt durch Kerzenentzünden oder andere Rituale. Wenn man jemanden verloren hat, denkt man sicher nicht nur an einem Tag an diesen Menschen, dennoch ist der Totensonntag etwas Besonderes. Man trauert gemeinsam und öffentlich. Laut der neuesten Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen kann eine Trauerphase bereits nach zwei Wochen als Depression diagnostiziert werden. An Tagen wie dem Totensonntag darf man dann aber noch mal in der Öffentlichkeit traurig sein, auch über den Tod des Großvaters vor vier Jahren.

Trauer ist nicht auf bestimmte Tage zu verlegen und muss nicht in eine diagnostische Schublade passen. Trauer ist eines der subjektivsten Gefühle, und sie kommt nach Ihren eigenen Regeln. Dies zuzulassen braucht Mut und auch Kraft. Kollektive Gedenktage können da den Rücken stärken. Gleichzeitig lassen sie die Gsellschaft inne halten. So gilt sowohl am Volkstrauertag als auch am Totensonntag, die als stille Feiertage gelten, ein deutschlandweites Tanzverbot. Da müssen auch die Narren warten.

 

100 Jahre Gertraudenfriedhof Halle (Saale)

Vor 100 Jahren erfolgte auf dem Gertraudenfriedhof die erste Bestattung. Das diesjährige Jubiläum wird am 20. September mit einem umfangreichen Programm gefeiert.

Bereits 1909 wurde dieser Friedhof geplant, um den Südfriedhof zu entlasten. Seinen Namen erhielt der neue Zentralfriedhof vom Friedhof der innerstädtischen Pfarrkirche St. Gertruden. Dieser befand sich dort, wo heute der Marktplatz ist, und musste 1530 für dessen Bau weichen.

In Vorbereitung auf das Jubiläum wurden der Eingangsbereich am Landrain sowie die große Freitreppe vor dem Hauptbau restauriert. Durch Denkmalpfleger aus dem mitteldeutschen Raum wurden die Eingangssäulen und die darauf sitzenden Holzelemente wieder hergestellt. Der Friedhof umfasst ein Gelände von ca. 37 Hektar, wovon heute ein Drittel genutzt wird. Das Zusammenspiel von historischen Grabsteinen, Gedenkanlagen und modernen Gemeinschaftsanlagen macht den Friedhof zu einem der interessantesten Orte der Stadt Halle. Die monumentale große Feierhalle beeindruckt durch die riesige Kuppel, an der sich ein Bildnis von Prometheus befindet, welches Karl Völcker, Mitglied der Hallischen Künstlergruppe, verwirklicht hat.

Auf dem Gertraudenfriedhof befindet sich neben Räumlichkeiten für Abschiedsfeiern auch die Einäscherungsanlage der Stadt Halle (Saale). Damit können von der Einäscherung, über die Feier bis zur Beisetzung alle Schritte einer Bestattung an einem würdigen Ort vollzogen werden.

Zur Feier des Jubiläums am 20. September 2014 finden Themenführungen statt. Auch die Einäscherungsanlagen können besichtigt werden. Des Weiteren erwartet die Gäste ein kulturelles Rahmenprogramm mit Musik, Kunst und einer Andacht unter freiem Himmel ab 10 Uhr.

 

Der letzte Ort – Formen der Urnenbestattung I

Meine Großmutter sagt immer, sie will nicht auf so einen kleinen Quadratmeter. Der Friedhof in ihrem kleinen Dorf hat vor vielen Jahren Urnengräber angelegt, die sich alle sehr ähneln. Auf dem Reißbrett geplante Ruhestätten, eine neben der anderen, gerade Linien, sich ähnelnde Grabplatten. Das ist ihr zu uniform.

Es gibt inzwischen, wenn auch nicht auf jedem Dorffriedhof, verschiedene Optionen der Beisetzung. Hier in Mitteldeutschland findet eine Erdbestattung mit Sarg weniger oft statt, die Feuerbestattung mit Urnenbeisetzung ist der Standard. In Urnenwahl- oder Reihengräbern finden die meisten noch ihren Platz. Während bei der erstgenannten Form, der Platz des Grabes selbst gewählt werden kann, wird ein Reihengrab zugewiesen. Auch kann man ein Reihengrab nach Ablauf der Ruhefrist nicht verlängern. Beide Grabarten unterliegen den Friedhofsordnungen und man darf sie mit Grabstein und Erinnerungsstücken nur so gestalten, wie diese es vorsieht. Beides sind Formen von Urneneinzel- oder Urnenfamiliengräbern. Man ist verpflichtet, sich um die Gräber zu kümmern und sie zu pflegen.

Ohne eigene Gestaltungsmöglichkeiten sind sogenannte Urnengemeinschaftsanlagen: Gartenähnliche Flächen werden vom Friedhofsgärtner gestaltet, so dass Blumen oder Ähnliches nur an dafür vorgesehenen Ablageflächen zugelassen sind. Die Urnen werden in den Anlagen beigesetzt und die Namensnennung erfolgt zum Beispiel an einer Stele. Ein Pflegeaufwand bei dieser Art des Grabes ist nicht vorhanden. Immer öfter wird diese Form gewählt, da die Familien heute oft weit verstreut voneinander leben und regelmäßige Grabpflege nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen ist. Dieser Nachfrage entsprechend konzipieren Friedhöfe immer mehr solcher Anlagen.

Die sogenannte Grüne Wiese ist ebenfalls eine Gemeinschaftsanlage. In ihrer ursprünglichsten Form kommt dieses Gemeinschaftsgrab ganz ohne Namensnennungen aus. Besucher wissen nicht, wo genau eine Urne beigesetzt ist. Das Ablegen von Blumen ist nur am Rand oder auf einem dafür vorgesehenen Platz gestattet. Man bezeichnet diese Form oft als Billigbestattung, da sie im Vergleich zu einem Wahlgrab wesentlich günstiger ist. Inzwischen werden auch wieder Namensstelen aufgestellt, da die absolute Anonymität für die Hinterbliebenen doch schwierig ist. Diese Form nennt man dann halbanonyme Beisetzung.

Auf einigen Friedhöfen gibt es zusätzlich das Angebot eines Kolumbariums. In einer solchen Bauform werden Urnen überirdisch beigesetzt bzw. eingemauert. Sowohl auf dem Gertraudenfriedhof als auch auf dem Stadtgottesacker in Halle sind Kolumbarien zu finden. Mancherorts, z.B. auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, gibt es gläserne Kolumbarien, in denen man die Urne sehen und Blumen hinzustellen kann.


Weitere Bestattungsarten, wie die See- oder die Himmelsbestattung werden in der nächsten Folge der Kolumne vorgestellt.
 

Das große Heimatgefühl

Wenn ich meine Großeltern besuchen möchte, fahre ich immer durch ein kleines adrettes Vorharzdörfchen. Im Frühjahr sind die Straßen von Hexenpuppen gesäumt, im Winter wird der Ort zum Nikolausdorf. Eine anrührende Heimeligkeit, die Gemeinsinn und aktives Dorfleben erahnen lässt. Fahre ich auf der Hauptstraße durch diesen Ort, ergreift mich immer wieder die Ahnung von Heimat, ich nenne es mein Rosamunde-Pilcher-Heimatgefühl. Vor meinem geistigen Auge nämlich sehe ich dann einen grünen Hügel, von dessen Spitze man über das weite, auch sehr grüne Land blicken kann.

Tatsächlich gibt es in dem Dorf einen Friedhof oben auf dem Berg, oder besser am Hang, von wo aus man einen weiten Blick hat. Dort sind die Gräber einiger meiner Verwandten – meine Urgroßeltern, Großonkel und –tanten und weitere sind dort begraben. Auch wenn ich zu deren Lebzeiten nur wenig Kontakt zu diesen Menschen hatte, fühle ich mich heute mit ihrem letzten Ort verbunden. Ich besuche sie nie dort, ich pflege keine Gräber und bringe keine Blumen; aber allein dass ich in der Nähe bin, lässt mich meine Wurzeln förmlich spüren. Eines Tages will ich diesen Ort meinen Kindern zeigen, damit sie wissen, dass ihre Familie eine Geschichte hat. Sie sollen einen Ankerpunkt in der Welt haben, einen mehr. Und sie sollen wissen woher sie kommen.

Immer wieder denke ich über Pro und Kontra von Friedhöfen nach und die Verortung der Familie an einem bestimmten Platz ist für mich ein wichtiger guter Aspekt eines Friedhofes. Wir sind in unserer heutigen Gesellschaft derart mobil, dass wir eigentlich fast nicht mehr zu verankern sind. Feste soziale Bezugspunkte wie Familienfeiern, Traditionen, Taufen und auch Begräbnisse stellen den Bezug zur Realität dar. Ohne Wurzeln sind wir wie Seifenblasen, die entstehen, schweben und dann spurlos verschwunden sind.
 

Die Asche zu Hause

Am 12.05.2014 titelte die Mitteldeutsche Zeitung mit der Überschrift: Grab im Garten soll nicht mehr verboten sein. Die Linke und die Grünen stoßen die Debatte um eine liberalere Regelung des Bestattungsgesetzes in Sachsen-Anhalt an. Ziel soll sein, den Friedhofszwang zu lockern und die Aufbewahrung und Beisetzung der Totenasche zu Hause bzw. an friedhofsunabhängigen Orten zu ermöglichen.

Nach wie vor individualisieren wir unsere Wünsche in allen Lebensbereichen immer mehr. Nichts soll so bleiben, wie es ist und alles soll nach eigenem Gusto entstehen. Jahrhundertealte Traditionen werden aufgebrochen, kulturelles Handeln wird vereinzelt. Oft ist das liebe Geld das ausschlaggebende Argument, einhergehend mit der Verteufelung der Branche oder kommunalen Dienstleistung, die das Geld einnimmt. Wir haben vor mehr als einem Jahrhundert die Fürsorge der Toten in professionelle Hände abgegeben. Die Beisetzung von toten Körpern oder Asche erfolgt seit Menschengedenken an speziellen Orten und auf Friedhöfen (oder in sogenannten Totenstädten, den Nekropolen). Zum einen gewährleisten diese Orte einen besonderen Status als Ruhestätten, die für alle Menschen zugänglich sind. Zum anderen erfordern bestehende Regelungen an diesen Orten die Einhaltung einer gewissen Erinnerungskultur, die die Ehre der Toten aufrechterhält. Gerade diese aber wird von Friedhofsgegnern als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit angesehen. Die verpflichtende Grabpflege auf einem Friedhof wird als Last verstanden, nicht als Dienst am Verstorbenen. Auch hier ist das Argument meist, dass man den Friedhofsgärtner nicht das Geld nachwerfen möchte und deshalb kein Grab wünscht. Und man hat auch gar keine Zeit und alle Familienmitglieder sind so weit verstreut und würden sowieso nie zum Grab kommen.

Grabpflege ist ein symbolischer Akt, eine Erinnerungstechnik, eine Ehrerbietung. Natürlich kann man sich auch ohne ein Grab an jemanden erinnern, doch eben nur allein. Ein Grab ist auch immer ein Monument für einen Menschen, der zur Geschichte eines Ortes gehört. Ein Denkmal, das sich alle ansehen können, dass jeder aufsuchen kann. Lassen wir alte Kollegen und Freunde an das Grab unseres Vaters, wenn er mal bei uns unter den Rosen liegt?

Die Facebook-Kommentare am heute erschienen MZ-Artikel verweisen meist auf die teure Bestattungsbranche und auf die reichen Friedhofsbesitzer. Dazu muss man sagen, dass der Bestatter am Verkauf eines Grabes nichts verdient, da er die Friedhofskosten nur durchreicht. Die meisten Friedhöfe sind in kommunaler Hand. Die Kosten für Grabplätze steigen, weil immer mehr Urnen beigesetzt werden und somit weniger Platz verkauft wird. Demzufolge muss ein einzelner Grabplatz mehr kosten, um die Gesamtkosten des Friedhofs zu decken. Die Friedhöfe sind pflegeintensiv und müssen von den Kommunen unterhalten werden. Das kostet Geld. Die Menschen ärgern sich darüber, dass ein Grab etwas kostet und flüchten in Friedwälder. Dies führt wiederum dazu, dass städtische Friedhöfe noch weniger Einnahmen haben und mehr Kosten auf einen einzelnen Grabplatz umlegen müssen.

Nun also die Lösung – wir nehmen die Urnen mit nach Hause? Ganz abgesehen davon, dass fraglich ist, wieviel Totenkult noch existieren kann, wenn jeder die Asche hinter verschlossen Türen behandelt, wie er mag, stellt sich die Frage, was mit der Asche geschieht, wenn man selbst stirbt oder das Haus verkauft wird? Und wo vergraben eigentlich Wohnungsmieter dann ihre Toten? Müssen die weiterhin auf Friedhöfe, die dann noch teurer werden, weil ihnen die Einnahmen fehlen?

In der Diskussion geht es nicht wirklich darum, dass wir die Totenfürsorge wieder in die eigenen Hände nehmen wollen, sondern darum, Geld zu sparen. Die Debatte um die Liberalisierung der Bestattungsgesetze ist immer beeinflusst von monetären Argumenten. Diese bestimmen damit unsere Art mit den Toten umzugehen. Das ist erschreckend, aber wohl ein Zeichen der Zeit.
 

Geburt und Tod

Vor wenigen Tagen habe ich meine zweite Tochter zur Welt gebracht und nie war mir bewusster, wie eng doch Geburt und Tod miteinander verwoben und wie wenig wir das wahrhaben wollen. Durch die ständige Beschäftigung mit dem Tod bin ich sensibler geworden und ich war ängstlicher, fürchtete, dass ihr etwas geschieht, dass sie tot geboren wird. Woher kommt das? Der Tod eines Kindes ist nicht alltäglich, doch taucht das Thema oft auf, wenn man sich mit dem Tod beschäftigt. Gerade in den sozialen Medien, wie z.B. Facebook, finden sich verwaiste Eltern und kommunizieren viel über verstorbene Kinder. Und durch das Wahrnehmen dieser Geschichten erscheint es mir manchmal, als ob doch ständig Kinder sterben und ich werde ängstlicher. Doch – alles ist gutgegangen.


Während ich mit den ersten Wehen im Garten des Krankenhauses saß und darauf wartete, dass das neue Leben aus mir heraus kommt, erhielt ich einen Anruf vom Ehemann einer Bekannten. Sie ist schwer krank, lag seit drei Wochen im Koma und hing an einer künstlichen Lunge. Sie wartete darauf, dass das Leben wieder in sie hinein kommt. Wie nah waren wir beide in diesem Moment einem existentiellen Ereignis.


Geburt und Tod, Anfang und Ende, Alpha und Omega, eröffnen und beschließen das Leben eines Menschen. Doch wir betrachten sie stets nur getrennt voneinander. Diese beiden Ereignisse sind mit heftigen Gefühlen verbunden, die unterschiedlicher nicht sein können. Während das eine, die Geburt, Hoffnung und die Aussicht auf Zukunft bedeutet, steht das andere, der Tod, für Ende und Erinnerung an Vergangenes, für den Verlust und eine Zukunft in Trauer. Wenn wir das eine erleben, können wir den Gedanken an das andere kaum ertragen. Ein Kind wird geboren und man denkt nicht an den Tod. Jemand stirbt und man möchte nicht an ein beginnendes Leben denken.


Geburt und Tod sind wie Geschwisterkinder von denen eines geliebt und eines gehasst wird. Doch sie sind beide da, sie bestimmen, was wir Menschen sind.
 

Die junge Frau hat inzwischen eine Spenderlunge bekommen, weil eine andere Frau gestorben ist. Der Tod der einen bedeutet das Leben der anderen. Ich wünsche beiden alles Gute.
 

Dinge, die ich noch tun will

„To kick the bucket“ heißt „ins Gras beißen” und aus diesem Begriff kommt der Name Bucket List für eine List von Dingen, die man noch tun möchte, bevor man stirbt. Die Bezeichnung Löffelliste (Dinge, die ich tun möchte, bevor ich den Löffel abgebe) habe ich auch schon einmal gehört.

Inzwischen gibt es Webseiten, auf denen man eine solche Liste erstellen kann. Sogar einzutragende Punkte werden für diverse Kategorien schon vorgeschlagen. Interessiert man sich für´s Reisen, kann eine Reise nach Disney Land ein erstrebenswertes Ziel sein.

Welchen Sinn haben solche Listen? Zum einen kann man, wenn man sie in der Onlineöffentlichkeit ausstellt, zeigen, wie kreativ man ist und was man sich so Tolles vornimmt. Für den Eigengebrauch aber kann eine solche Liste helfen, sich die wesentlichen Dinge des Lebens vor Augen zu führen. Wenn man darüber nachdenkt, was man noch unbedingt tun oder erleben möchte, bevor der Tod kommt, fokussiert man sich auf Essentielles, auf Träume und Visionen, die im Alltag oft untergehen. Sie kann aber auch einfach dabei helfen, etwas gleich zu erledigen und nicht immer aufzuschieben. Denn wir wissen tatsächlich nicht, wie viel Zeit wir noch haben.

Listen können funktionieren, wenn man sich einen Zeitpunkt setzt, bis wann man etwas erledigt haben möchte. Allerdings wissen wir nicht, wieviel Zeit wir hier haben. Vielleicht sollte man deshalb eine Bucket List so handhaben, dass jeder Tag der letzte sein könnte. Dann kann man auch ein paar Punkte abarbeiten, andernfalls bleibt es nur eine Sammlung von fixen Ideen.

Ich habe keine Bucket List, hätte ich eine, müsste ich heute anfangen, das Klavierspiel zu erlernen oder die Wand in meinem Wohnzimmer endlich zu streichen.

Zwei Tage später: Die Wand ist gestrichen und erstrahlt in leuchtendem Petrol. Und was tue ich nun noch bevor ich sterbe?
 

Das letzte Kleid

Um sich ein Bild zu machen, reichen manchmal wenige Tage und Begegnungen. Während meiner Hospitation beim Bestatter, die ich vor wenigen Tagen abgeschlossen habe, gab es eine Begegnung vor der ich mich am meisten fürchtete bzw. vor der ich den meisten Respekt hatte: Die Begegnung mit einer Verstorbenen. Natürlich habe ich während meiner Arbeit in der Feuerbestattungseinrichtung bereits Tote gesehen, aber ich bin ihnen nie wirklich nahe gekommen. Während der zweiten Leichenschau habe ich einmal zugesehen, aber weder habe ich die Verstorbenen berührt, noch hatte diese Formalität tatsächlich etwas mit dem Menschen zu tun.

Nun stand ich vor dem Sarg von Frau Koch. Ich hatte sie bereits aus dem Keller des Klinikums mit abgeholt und erinnerte mich an das letzte Bild: Sie lag auf einer Edelstahltrage, bedeckt mit einem Tuch, der Kopf verbunden, um dem Kinn und den Augen Halt zu geben. Wir waren uns nicht sicher, ob die Angehörigen von Frau Koch einer Hornhauttransplantation zugestimmt hatten und ich hatte wirklich gruselige Bilder im Kopf. Als wir aber den Sarg öffneten, war der Verband abgenommen und sie sah ganz normal aus. Meine größte Angst war, dass ich sie als Leiche wahrnehme, so wie man Leichen aus dem Fernsehen kennt. Ich fürchtete Geruch und einen zu weichen Körper. Aber das erwartete mich nicht. Frau Koch war natürlich eiskalt, immerhin stand sie seit drei Tagen in der Kühlung. Doch nachdem die Distanz überwunden war und ich sie berührt hatte, konnte ich auch helfen, sie anzukleiden. Zu Beginn hatte Frau Koch lediglich ein Krankenhaushemd an, am Ende trug sie ihre Wäsche, ihre Strümpfe und vor allem ihr lilafarbenes Kleid mit feinen Stickereien am Kragen. Wir kämmen sie noch und schließen den Deckel.

Auch wenn die Angehörigen Frau Koch nicht noch mal sehen wird, lag ihnen viel daran, dass sie noch einmal anständig angezogen wird. Nachdem ich den Unterschied nun selbst gesehen habe, kann ich sagen, dass dieser kleinen Akt der letzten Ehre einen sehr großen Effekt hat: Aus Frau Koch, einer Toten aus der Prosektur der Klinik wurde wieder Frau Koch, die ein Leben und eine Biografie hatte, die ich zwar nicht kenne, aber erahnen konnte.
 

Kinder und ihre Fragen

Gestern Abend lag ich mit meiner Tochter im Bett. Die Sonne war längst untergegangen, der Sandmann hatte seinen Abendgruß gebracht, der Tag war beendet. Wie jeden Abend wollte sie noch eine Geschichte hören, also nahm ich ein Märchenbuch und sie suchte sich, wie schon oft, die Geschichte vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen aus. Darin geht es um ein armes Mädchen, das am Silvesterabend durch die Stadt streift, nackten Fußes, kaum bekleidet, und erfolglos versucht Streichhölzer zu verkaufen. Irgendwann entzündet sie ein Streichholz nach dem anderen, um sich zu wärmen und dabei hat sie Visionen von einem besseren Leben, von Weihnachtsbäumen und Gänsebraten. Am Ende stirbt das Mädchen während sie von ihrer Großmutter träumt. Es ist ein sehr trauriges Märchen, und immer, wenn meine Tochter es hören möchte, bin ich unsicher, ob sie das überhaupt schon verträgt. Wie geht eine Vierjährige mit dem Thema Tod um. Nun muss ich dazu sagen, dass sie auf Grund meiner Arbeit und eines Sterbefalls bei uns zu Hause schon einiges mitbekommen hat. Dennoch sind ihre Fragen und Vorstellungen manchmal so direkt, dass ich fast zurück schrecke.

Gestern, nachdem die Geschichte zu Ende war, dachte sie darüber nach, wer in unserer Familie als nächstes stirbt. Die Urgroßeltern, dann die Omas und Opas, dann wir Eltern, dann sie selbst und dann ihre Schwester (die noch nicht mal geboren ist) und dann ihre Kinder (an die noch nicht mal zu denken ist). In ihrer kindlichen Logik sterben die, die älter sind. „Mama, stirbt zuerst J. (ihr Cousin) oder ich?“ „Das weiß ich nicht.“ „Na ich, weil J. zwei Jahre älter als ich ist.“

Diese Gespräche will ich manchmal gern abbrechen, ich versuche es auch, weil ich natürlich nicht daran denken möchte, dass irgendjemand überhaupt stirbt. Schon gar nicht möchte ich Gedanken in meinem Kopf, die den Tod meines Kindes beinhalten. Für meine Tochter aber, ist dieses Thema ganz normal, es ist für sie klar, dass wir alle sterben und sie spricht gern darüber, kennt keine Scheu. Meine Tochter lebt, was ich predige. Das sollte ich ihr erhalten, aber das ist wirklich nicht so leicht.
 

Was in der Asche bleibt – von Mythen und Legenden

Ich arbeite in einem Unternehmen, das im Volksmund noch immer Krematorium genannt wird. Wir selbst reden lieber von einer Feuerbestattungseinrichtung, da die Feuerbestattung eng mit der Geschichte des Menschen verbunden ist, Krematorien aber durch ihre Nutzung im Dritten Reich eine kurze und schändlichen Verknüpfung erfahren haben.

Heute hatten wir einen Radioredakteur im Haus, der uns zum Thema Totenasche befragen wollte. Wir haben uns schon mehrfach und sehr intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt, besonders wenn es um die Fragen zum Verbleib des Zahngolds geht. Immer mal wieder tauchen Fälle auf, in denen Mitarbeiter von Feuerbestattungseinrichtungen sich am Zahngold bereichert haben. Natürlich wird nur über diese Skandale, nicht aber über die alltägliche Arbeit berichtet. So verhält es sich auch mit der Medienberichterstattung zum Bestattungswesen.

Nun zu meiner Meinung: Das Zahngold, sowie Reste von Schmuck und dergleichen, gehören aus moralischer - also subjektiver - Sicht zum Verstorbenen. Diese Bestände bleiben in der Asche und werden mit beigesetzt. Für mich gibt es da eigentlich keinen Diskussionsbedarf. Als ich neulich mit Freunden über dieses Thema sprach, waren diese ganz verwundert, dass darüber überhaupt anders gedacht werden könnte. Des Weiteren gibt es noch die verbleibenden künstlichen Edelmetallgelenke, die immer mehr Menschen bei bzw. in sich tragen. Diese passen schlichtweg nicht in die Urne. Zwar gibt es Meinungen, die sagen, dass diese Gelenke gesondert beigesetzt werden sollen, doch ich glaube nicht, dass Angehörigen wirklich daran gelegen ist. Zum einen würde diese Beisetzung neue Kosten erzeugen, zum anderen wären Grabfelder mit Edelmetallen auf Friedhöfen wahrscheinlich so gut von Metalldieben besucht, dass man sich das Schließen der Grabfelder gleich sparen kann. Aus diesem Grund werden die Metalle zumindest bei uns im Haus von einem zertifizierten Fachunternehmen abgeholt und dem Kreislauf wieder zugeführt. Dies geschieht unter einem rein ökologisch motivierten Gesichtspunkt, da die Metalle irgendwie entsorgt werden müssen.

Die Mythen, die sich um die Feuerbestattung ranken, sind zum Teil sehr gruselig. Menschen glauben, dass sowieso alles gestohlen wird, dass Einäscherungen ohne Sarg stattfinden, dass die Aschen vermischt werden. Solche Legenden passen dann auch noch so gut zu den Berichten in den Zeitungen zu Bestatterskandalen. Es wird Zeit, dass diese Legenden verschwinden und dass die negativen Nachrichten durch positive aufgewogen werden. Ich kann deshalb nur jedem, der sich wirklich für das Ende des Lebens interessiert, empfehlen, sich eine Feuerbestattungseinrichtung mal anzusehen, fast überall gibt es Tage der offenen Tür. Nur so kann Vertrauen in einer Branche gestiftet werden, die am Ende unser aller Leben steht.

 

Wir sollten uns schon jetzt ernst nehmen

Ich habe ein Buch gekauft, das kommt des Öfteren vor. In diesem geht es darum, selbst zu denken, das scheint ein guter Ansatz. Ein Kapitel widmet sich auch dem Tod und dessen Bedeutung in der heutigen Zeit.

Wir leben in einer Gesellschaft, deren Medien uns täglich vorbeten, dass wir nur durch Wachstum überleben können. In dieses Konzept des Immer-Mehr kann der Tod einfach nicht hinein passen. Der Tod ist ein definitives Ende, ein Schlussstrich, die Verweigerung des Mehr. Aus diesem Grund scheint er in unserer Gesellschaft einfach nicht statt zu finden, zumindest nicht als natürlicher Umstand am Ende des Lebens. Wir begegnen dem Tod im Fernsehen und in Filmen als Überraschung, Anschlag oder Unfall. Die Opfer des Todes sind meist mittleren Alters, selten wird jemand getötet, der sowieso bald den Abschied vom Leben genommen hätte. Das Lebensende als natürliche Grenze unseres Seins findet allenfalls in dritten Programmen nach 22 Uhr einen Platz. Oder aber in Magazinen, die von Neuerungen in der Medizin berichten, die dieses Ende nach hinten verschieben können. Wachstum und Ende schließen sich aus. Modernes Wahrnehmen schließt den natürlichen Tod aus oder will ihm zuvorkommen, worauf die aktuelle Sterbehilfedebatte hinweist.

Doch nicht nur das Streben nach Wachstum hat den Tod aus unserem Leben verdrängt, sondern auch der erhöhte Grad der Individualisierung. Wir leben nicht mehr in einer Generationenfolge, Kinder klagen vor Gericht, weil sie für die Pflege der Eltern nicht aufkommen wollen; Eltern wollen ihren Kindern nicht zu Last fallen. Am Ende scheinen wir allein zu sein und der Tod ist kein gesellschaftliches oder familiäres, sondern ein rein individuelles Problem. Doch das Leben besteht, in jeder seiner Phasen aus Anerkennung und Beziehungen, schreibt der Autor Harald Welzer. Wir dürfen diese Beziehungen nicht beenden, wenn es auf´s Finale zugeht. Wir müssen uns aufeinander verlassen können und dürfen. Und das sollten wir auch einfordern, von unseren Kindern und von unseren Eltern und Großeltern.

Am Ende erkenne man wohl, was wichtig ist. Dann plötzlich ist man reif genug, sich selbst ernst zu nehmen, seine Wünsche zu erkennen und sein Leben zu betrachten, ohne sich im Griff von Arbeits- und Konsumwelt zu befinden. Doch dann ist es zu spät. Wir sollten uns schon jetzt ernst nehmen und das Leben so leben, wie wir es am Ende gern gehabt hätten. Wenn wir das tun, werden auch die Generationen wieder zusammen wachsen. Davon bin ich überzeugt.
 

Trauer zeigen - aus aktuellem Anlass

Wenn früher jemand gestorben ist, trugen die nahen Angehörigen für einige Zeit schwarze Kleidung. Witwen mussten ein Jahr lang in schwarz gehen, wenn ihr Mann gestorben war.
Die Trauerkleidung war Ausdruck des eigenen Verlustschmerzes und des Respekts gegenüber dem Verstorbenen. Heute wird meist nur noch zur Beisetzung bzw. Trauerfeier schwarz getragen.

Der Trauerflor, ein schwarzes Band oder eine schwarze Armbinde, wird manchmal noch getragen. Man hat ihn gesehen, nachdem Robert Enke sich das Leben genommen hat und nun auch bei der Olympiade in Sotchi. Die norwegische Skiathlon-Läuferin Astrid Jacobsen hat ihren Bruder verloren. Aus diesem Grund trug ihre ganze Mannschaft einen Tag später Trauerflor. Das Internationale Olympische Komitee (kurz IOC) hat daraufhin das Tragen von Trauerflor verboten. Zwar gäbe es keine Regel, die diesen Akt verbietet, dennoch empfindet das IOC es als unangemessen.

Ist es unangemessen, seine Anteilnahme und seinen Respekt öffentlich auszudrücken? Wohl kaum, aber ist der Rahmen der olympischen Spiele dafür der passende? Es gibt einen zweiten Fall: Die kanadischen Snowboarderinnen erinnerten mit ihrem Traueraufkleber am Helm an die vor zwei Jahren tödlich verunglückte Kollegin Sarah Burke. Auch dies wurde vom Komitee verboten. Meines Erachtens ist diese Reaktion einmal richtig und einmal falsch. Doch: Wo ist der Unterschied?

Während es sich bei dem Tod des Bruders um einen privaten Schicksalsschlag handelt, ist der Tod einer der weltbesten Snowboarderinnen für die Wahrnehmung der gesamten Sportart von Bedeutung. Verunglückt ein Sportler oder eine Sportlerin während der Ausübung des Sports, so kann die Erinnerung an ein solches Unglück die Sensibilität für die Gefahren eines Sports erhöhen. Dies sollte dem Höher-Schneller-Weiter-Trend des Leistungssports entgegenwirken. Damit hat die öffentliche Erinnerung an diese Verstorbenen eine warnende, vielleicht auch schützende Funktion. Die weltöffentliche Darstellung der Trauer im Familienfall hingegen ist meines Erachtens, tatsächlich nicht angemessen, da eine Plattform genutzt wird, die mit dem oder der Verstorbenen eigentlich nichts zu tun hat. Das gehört einfach nicht dahin. Wie ein Kommentator schrieb, könnte ansonsten ja jeder Sportler bei öffentlichen Veranstaltungen Trauerflor tragen, wenn Oma, Opa oder andere Verwandte sterben.

Öffentliche Trauer wird zum Gesprächsthema, damit muss gerechnet werden, damit wird auch gerechnet. Die Frage nach Angemessenheit oder Unangemessenheit beantwortet sich dann aus dem Nutzen, den diese Öffentlichkeit mit sich bringt. Wenn nach Robert Enkes Tod, Depressionen im Sport offen diskutiert werden, dann nutzt das (hoffentlich) der Gesellschaft. Wenn private Trauer auf das Podest der Weltöffentlichkeit gehoben wird, dann nutzt das lediglich denen, die damit ein Presseecho erzeugen.
 

Eine anständige Beerdigung können wir uns nicht leisten...

Der Tod eines Menschen in der Familie bringt neben einer emotionalen Ausnahmesituation auch oft finanzielle Auswirkungen. Die Bestattung hat als Kostenfaktor stark an Bedeutung gewonnen, seit das Sterbegeld der Krankenkassen vor zehn Jahren abgeschafft wurde. Mit dieser Kürzung begann der Preisvergleich beim Bestatter und es gab immer mehr Fälle, in denen die Angehörigen die Beerdigungskosten nicht tragen konnten.

Nach dem Bestattungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt sind die nächsten Verwandten für die Bestattung verantwortlich: Zunächst die Ehepartner, dann die volljährigen Kinder, die Eltern und Großeltern, dann die volljährigen Geschwister und Enkelkinder. Sind diese nicht in der Lage, die Bestattung zu bezahlen, kann ein Antrag auf Kostenübernahme beim zuständigen Sozialamt gestellt werden. Im Zwölften Sozialgesetzbuch. Paragraf 74 steht: „Die erforderlichen Kosten einer Bestattungen werden übernommen, soweit den hierzu Verpflichteten nicht zugemutet werden kann, die Kosten zu tragen.“ Dies ist meist der Fall, wenn die Verpflichteten selbst Sozialhilfeempfänger sind und sich die Bestattung nicht aus der Erbmasse refinanzieren lässt.

Die sogenannte Sozialbestattung soll eine einfache, aber würdevolle Bestattung nach ortsüblichen Gegebenheiten sein. Bescheiden, aber nicht billig wirkend. Die Friedhofs- und Bestatterleistungen umfassen im Grunde ausreichend Möglichkeiten, um einen würdevollen Abschied zu gewährleisten. So können auch Trauerfeiern und Redner in einem gewissen Rahmen beantragt werden. Auch die anonyme Beisetzung ist nicht verpflichtend, es sei denn der oder die Verstorbene hat sich nachweislich eine solche gewünscht. Ausschlaggebend ist der Wunsch des Verstorbenen, sofern dieser zu Lebzeiten dokumentiert wurde. Ist dem nicht so, entscheiden die Angehörigen in dessen Namen.

Es gibt allerdings auch die Fälle, in denen sich kein Bestattungspflichtiger finden lässt, oder dieser nicht gewillt ist, die Bestattung zu organisieren. In diesem Fall schreitet die zuständige Ordnungsbehörde in Form der Ersatzvornahme ein, d.h. das Ordnungsamt veranlasst die Bestattung um die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrecht zu erhalten. Man liest hier manchmal auch, um eine etwaige Seuchengefahr abzuwenden. Die sogenannte Ordnungsamtbestattung findet nicht mehr nach gewünschten und ortsüblichen Kriterien statt, sondern beinhaltet nur noch die Punkte einer Bestattung, die wirklich nötig sind. Demzufolge werden diese Beisetzungen meist in anonymen Felder gemacht. Da es oft keine Angehörigen oder Freunde gibt, finden diese Bestattungen eigentlich nur mit einem Bestatter ohne weitere Rituale statt. In Halle aber hat sich der Humanistische Verband bereit erklärt, die Urnen der Verstorbenen zu begleiten, wenn sich niemand sonst findet. Die postmortale Würde soll damit aufrecht erhalten bleiben, der letzte Weg soll auch für diese Toten kein einsamer sein.

Deutschlandweit entstehen immer Initiativen, die den namenlos Bestatteten ein letztes Geleit geben: der Gottesdienst für Unbedachte in Köln, das letzte Geleit in Bremen oder die Tobiasbruderschaft in Göttingen. Es gehört zu den Aufgaben einer Gesellschaft, die Verstorbenen anständig bei zu setzen, denn auch sie gehören zur Geschichte einer Stadt. Tobias, eine Figur aus dem Alten Testament, sagte: „Wenn ich sah, dass einer aus meinem Volk gestorben war und dass man seinen Leichnam hinter die Stadtmauer von Ninive geworfen hatte, begrub ich ihn.“

Der Tod kann zur finanziellen Belastung werden, doch es gibt Möglichkeiten, diese Belastung zu minimieren und trotzdem einen guten Abschied zu gestalten. Das letzte Geleit ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern eine gestaltbare Entscheidung, die man für die Verstorbenen und für sich trifft.
 

Das öffentliche Sterben – Wenn Leser Kranke begleiten

Christoph Schlingensief hat es getan, Wolfgang Herrndorf auch und nun Henning Mankell. Der Autor, dessen Hauptcharakter gerade mit einer Alzheimerdiagnose im Nebel verschwand, berichtet in einem Weblog (Internettagebuch auf FAZ.net) über seine Krebserkrankung. In der ersten Folge vom 29.01.2014 berichtet er vom Empfang der Diagnose und von seinem Vorhaben, den Kampf gegen die Krankheit schreibend zu begleiten. Vielleicht ist auch das Schreiben sein Kampf.

 In mir hält sich die Phantasie, dass sich Krebs da bildet, wo sich Dinge angestaut haben, die nicht gelebt und nicht gesagt wurden. Menschen, die alle Sorgen in sich hineinfressen, bekommen Krebs im Bauch, Männer, die nicht frei leben konnten, an der Prostata. Wenn dem wirklich so wäre, müsste das Schreiben Mankells Rettung sein. Denn beschrieben verliert der Krebs vielleicht seine Macht.

 Dann denke ich wieder an Herrndorf, dessen Blog und später auch Buch Arbeit und Struktur ich gerade gelesen habe. Herrndorf, ebenfalls Autor, schreibt über sein Leben mit dem Krebs, das immer mehr zum Sterben wird. Durch viel Arbeit rettet er sich über die Zeit. Am Ende aber benutzt er doch die Waffe, die er sich relativ zeitig besorgt hat. Er erschoss sich im letzten Jahr in Berlin und hinterließ mit seinem Werk einen Einblick in die Ausweglosigkeit des Hirntumors.

 Es ist eine Sache, was das öffentliche Leben mit dem Krebs dem Patienten nutzt. Es ist eine andere, was es dem Leser nutzt. Die voyeuristische Begleitung der neuesten Fakten der Krankheit, wie wir sie gerade wieder bei Michael Schumacher erleben, hat wahrscheinlich nicht mehr Funktion, als eine Schablone für Hypochonder und Apokalyptiker zu sein. Das Fazit aber, nach dem Ende der Krankheit, ob gut oder schlecht, könnte eine Erkenntnis sein. So wie ich bei Herrndorf erkannt habe, dass Sterbehilfe für manchen Fall durchaus wichtig ist, könnte man bei Mankell erleben, dass sich der Kampf lohnt. Dieses Ende ist noch offen.

 Eines sollten uns solche Veröffentlichungen in jedem Fall vor Augen führen: Es kann so schnell gehen, es kann jedem passieren. Also nutzen Sie die Zeit, die Sie haben, für etwas Gutes.
 

Das Geschäft mit dem Tod

Immer wieder, wenn ich etwas zum Thema Tod in den Medien lese, taucht diese Floskel auf, die - ich mag es mir einbilden - doch immer eine negative Wertung in sich trägt. Das Geschäft mit dem Tod.

Im NDR-Fernsehen gab es eine ganze Sendung, die diesen Titel trug. Auf der Podiumsdiskussion bei der Messe Leben und Tod in Bremen war es ebenfalls ein Thema. Hier wurde die Frage gestellt, ob dieses Geschäft eines wie jedes andere ist. Und wer es dafür hielte, der solle sich doch einmal erheben. Das taten nur zwei oder drei der geladenen Gäste. (nur nebenbei gesagt: natürlich ist es nicht ein Geschäft wie jedes andere, aber es ist eines – zweifelsohne, vor allem wenn es um Bestattungen geht).

Der Duden definiert das Wort Geschäft wie folgt:


1. auf Gewinn abzielende [kaufmännische] Unternehmung, [kaufmännische] Transaktion; Handel
2. gewerbliches oder kaufmännisches Unternehmen, Handelsunternehmen, Firma
3. Aufgabe; Angelegenheit, die zu erledigen ist


Betrachten wir es also ganz pragmatisch: Nach dem Versterben eines Menschen sind Aufgaben zu erledigen, die man in professionelle Hände geben kann. Bestatter nehmen sich dieser Aufgaben an und unterstützen die Angehörigen, die meist anderes zu tun haben, als Behördengänge zu erledigen. Der Dienstleister erledigt die Aufgabe (Definition 3) und verdient damit sein Geld (Definition 1). Dabei macht der Dienstleister auch Gewinn, den er zu einem Teil in neue Räumlichkeiten, neue Anlagen, besseren Service, Weiterbildungen, seine Mitarbeiter oder Ähnliches investiert. Dies ist ein ganz normales unternehmerisches Vorgehen. Es sichert das Bestehen des Unternehmens, schafft Arbeitsplätze und bietet den Kunden eine gute Dienstleistung und qualifizierte Unterstützung in der Trauer.

Googelt man Das Geschäft mit dem Tod landet man schnell bei Artikeln zu Rüstungsexporten. Der Bezug ist dann, dass Waffenhändler und Regierungen Waffen verkaufen, die wahrscheinlich Menschen töten werden und deshalb aus dem Tod Profit schlagen. Dieser Tod aber tritt durch den Gebrauch der Waffen ein und ist damit eine direkte Folge. Wenn ein Bestatter oder eine Feuerbestattungseinrichtung aber Geld damit verdient, die Verstorbenen zu versorgen und alle nötigen Dinge zu veranlassen, dann ist das in keinster Weise negativ zu werten.

Was geschieht also, wenn man vom Geschäft mit dem Tod im Zusammenhang mit Bestattungen spricht? Man erzeugt ein negatives Bild (wir haben ja noch den Waffenhandel im Hinterkopf), man schafft Misstrauen und den Willen zum Sparen - damit begünstigt man wiederum vielleicht sogar die Bestatter, die untransparente Dienstleistungen anbieten (nennen wir sie Billig-Billig-Anbieter) und beim Kunden letztlich einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen. Dies führt dann wieder zu einem noch schlechteren Bild des Bestatters und so weiter und so weiter.

Das Bestattungsgewerbe baut (noch) viel auf Vertrauen und das ist gut so, denn man möchte in der Phase der Trauer nicht durch Misstrauen geleitet sein. Für die Schaffung von Vertrauen sind sowohl die Dienstleister selbst als auch die Kunden, die sich vorab informieren sollten und dann Fragen stellen können, zuständig. Vor allem aber auch die Medien, seien es große oder kleine, private Initiativen oder öffentliche Vereine. Sie alle können es besser machen.
 

Trauerbekundungen im Netz – Und was ist im wahren Leben?

Das Netz prägt uns, wir prägen das Netz. Immer mehr nimmt auch die Trauer einen Platz im Internet ein. Unabhängige Portale schaffen die Möglichkeit, Trauer- und Gedenkseiten zu erstellen. Tageszeitungen veröffentlichen Traueranzeigen auch online und Facebookseiten werden zu Erinnerungsseiten für Verstorbene. Was findet da eigentlich statt?


Bei den meisten Anbietern kann ich eine eigene Seite für einen Verstorbenen erstellen. Gespickt mit Text, Gedichten, Fotos und auch Videos schaffe ich einen virtuellen Altar in Erinnerung an eine Person, der ich nahe stand. Während der Aufbau eines solchen Altars sonst eher im privaten Bereich stattfände, kann dieser online vollständig offen gezeigt werden und lädt zum Hinterlassen von Kondolenzworten, Kerzen oder virtuellen Blumen ein. Das öffentliche Bekennen von Trauer ist hier für jeden möglich, also nicht nur für die Ehefrau, den Mann, die Kinder oder andere Verwandte, sondern auch für Freunde, Kollegen oder Geliebte. Online ist die Ausübung der Trauer ein Recht für jeden. Während im Alltag nach einer gewissen Zeit schon mal der Satz fallen kann „Langsam ist´s mal gut mit Trauern“ wird das online wohl kaum passieren. Das mag zum größten Teil daran liegen, dass die Gedenkseite ja explizit ein Ort des Trauerns ist und wer diese anklickt, weiß, was geschieht. Es handelt sich dort also um einen geschützten Bereich, eine klar definierte Emotionsinsel. Im Alltag hingegen kollidiert der Ausdruck von Trauer mit Fakten des Lebens, mit Aufgaben, die zu bewältigen, mit Oberflächen, die glatt zu halten sind. Wir haben keine Zeit, uns ständig mit trauernden Kollegen auseinander zu setzen. Während die Trauer also nur im Privaten stattfand, und wie auch heute im beruflichen ausgeblendet wurde, hat sie heute im Internet einen Platz, an dem darüber gesprochen werden kann.


Im Englischen gibt es zwei Worte für Trauer: grief – das ist der seelische, eigene Schmerz des Verlustes und mourning – die Klage darüber, die gesellschaftliche, öffentliche Seite der Trauer. Die öffentliche Klage ist in Deutschland keine Form des Trauerausdrucks. Vielmehr dominieren hier Zurückhaltung und Funktionieren, Unterdrücken und Marginalisieren. Im Netz aber findet die Klage einen Raum und verbindet sich mit dem privaten Trauern, dem Schmerz, der hier seinen Ausdruck findet. Hilft uns das Netz also dabei, gesellschaftliche Konventionen zu überwinden und unsere Gefühle zu leben?


Ich kann vor einem Computer sitzen, auf eine Gedenkseite schauen und hemmungslos weinen. Die Kondolenzeinträge, zu denen ich gleichzeitig Zugriff habe, können dies verstärken. Aber kann ich auch vor einem Grabstein stehen und mich einem solchen Gefühlsausbruch hingeben? Um mal ganz persönlich zu antworten: Nein, ich kann das nicht, weil ich fürchte, entdeckt zu werden. Denn in der Öffentlichkeit trauert man eben nicht. Und wenn nun Befürworter der Online-Trauer sagen, dass dadurch das Tabu des Todes in der Gesellschaft gebrochen wird, dann stimmt das nicht. Vielmehr wird ein gesonderter Raum für Tod und Trauer geschaffen. Ob wir dadurch auch im echten, nicht-virtuellen Leben, besser mit Trauernden umgehen, bleibt abzuwarten und zu hoffen.
 

Sterbehilfe – Eine Diskussion, meine Meinung

Die Diskussion um die Sterbehilfe soll objektiv geführt werden, aber das ist kaum möglich. Meine Auseinandersetzung mit dem Thema entspricht meiner persönlichen Meinung, sie ist subjektiv und emotional. Denn mein Tod ist meine Angelegenheit und sein Weg dorthin ist eine persönliche Ansicht. Solche wie sie gerade von Udo Reiter, Mitbegründer und ehemaliger Intendant des MDR, geäußert wurden und solche, wie sie Franz Müntefering in die Öffentlichkeit bringt.


Liest man den Gastbeitrag Mein Tod gehört mir von Reiter in der Süddeutschen Zeitung, getraut man sich fast gar nicht, etwas gegen die Sterbehilfe zu sagen. Da wird von einem Kartell gesprochen, dass die öffentliche Meinung in Schach hält. Als wären die, die sich gegen eine Legalisierung aussprechen, alles Funktionäre, Lobbyisten oder verbohrte Kirchenvertreter. Reiter schreibt, dass er nicht als „bösartiger Idiot“ darben will, es scheint, als wolle er nur so lange leben, wie er angemessen funktioniert, in dieser Gesellschaft der perfekten Menschen. Der Journalist fordert die Sterbehilfe übrigens nicht unbedingt im Hinblick auf kranke Menschen, denen in Palliativ- und Hospizstationen die Schmerzen genommen werden können. Nein, er schreibt von Menschen, die eine freie Entscheidung zum Tod getroffen haben, die lebenssatt sind.


Menschen sind immer Ergebnis der Umstände, in denen sie leben. Wir sind keine Inseln, die aus sich selbst existieren. D.h. eine solche Entscheidung resultiert aus den Ergebnissen unseres Lebens in einem sozialen Umfeld und kann nicht autark getroffen werden. Zum einen berührt sie andere Menschen, zum anderen kann sie durch Änderung der äußeren Umstände verändert werden. Und außerdem: Mit welcher Arroganz, Feigheit oder Bequemlichkeit kommen wir daher, wenn wir keine Lust auf Leben mehr haben, wir, die wir in einem Land des Wohlstands und der Möglichkeiten leben? Was würde eine Mutter aus Bangladesch dazu sagen, die sich täglich die Finger wund näht, um unseren Modegeschmack zu bedienen? Die nie aus diesem Kreislauf ausbrechen werden kann, deren Kinder genauso weit kommen? Oder was sagen die Opfer von Verbrechen wie dem Holocaust, die gelernt haben, mit schwersten körperlichen und seelischen Schäden zu leben? Was wäre aus der Menschheit geworden, wenn wir das Leben als Herausforderung nicht angenommen und bewältigt hätten? Mir erscheint dieser Weg als symptomatisch für eine Gesellschaft, in der Beziehungen zu Gunsten des Nächstbesseren aufgegeben werden, in der man sich immer wieder neu entscheidet und keinen Weg zu Ende geht.


Müntefering, der seine Frau beim Sterben begleitet hat, spricht sich gegen die Sterbehilfe aus und plädiert für mehr sozialen Zusammenhalt. Das größte Problem sieht er in der Einsamkeit. Diese zu beenden, wäre eine sinnvolle Aufgabe. Dafür hieße es z.B. Frustration zu beenden und unsichere Arbeitsverhältnisse zu Gunsten von Sicherheit, in der man auch eine Familie gründen kann, abzuschaffen.


Die Entscheidung für das Sterben ist immer die Entscheidung gegen das Leben. Ich kann das verstehen, wenn die Situation ausweglos ist. Ich kann das verstehen, wenn ein Mensch Gründe findet, sich für den Freitod zu entscheiden. Doch ich plädiere dafür, diesen Menschen soweit es eben geht, eine Lebenshilfe anzubieten und nicht eine Sterbehilfe.
 

Schöne neue Medienwelt – Über das Spekulieren im Unfall- der Todesfall

Am 19. Dezember 2013 wurde in Halle (Saale) ein junger Mann von einer Straßenbahn überfahren und tödlich verletzt. Sofort wurde im sozialen Internet darüber diskutiert und debattiert, warum das geschehen konnte. Es war ein hetzerischer Akt des Maulzerreißens über jemanden, der nur wenige Minuten vorher sein Leben verloren hatte.


Als Michael Schumacher beim Skifahren stürzte, waren die gleichen Prozesse auch in den Zeitungen und Nachrichten des Landes zu beobachten.


Michael Schumacher hatte einen Skiunfall, einen schweren Sturz. Nun liegt er im Koma und kämpft um sein Leben. Das ist tragisch und stellt eine schwere Situation für die Angehörigen dar. Für die Medien ist es ein Präzedenzfall, denn im Fall Schumacher zeigt sich, wie heute Nachrichten gemacht werden. Nach dem faktisch erwiesenen Sturz wurde nämlich nur noch spekuliert. Hatte er einen Helm auf? Hat er vor dem Sturz einem Kind geholfen? War er abseits der Pisten und handelte er fahrlässig? Keine Fakten, nur Vermutungen. Mir scheint es bei solcher Berichterstattung, als müsste man den Zeitraum zwischen dem Unfall und dem Tod durch spektakuläre Neuigkeiten füllen. Dabei muss die Folgenachricht stets heftiger sein, als die Vorangegangene. Was kann dann also noch kommen, als der Tod. Eine vollständige Genesung wäre ja fast langweilig.


Online wurde Schumacher dann auch schon für tot erklärt. Die Facebookseite R.I.P. Michael Schumacher hatte mehr als 20.000 Fans, die ihm eine friedliche Ruhe wünschten, bevor sie von Facebook geschlossen wurde. Jeder versucht, sein Stück Aufmerksamkeit aus dem Schumacher-Unfall zu ziehen. Der Tod als Finale würde einen Mythos schaffen, den der emeritierte Formel-1-Star durch ein normales Leben nach dem Sport nie erreichen würde. So funktioniert die schöne neue Medienwelt.

Ich wünsche Michael Schumacher gute Besserung. Ihnen wünsche ich ein gesundes sturzfreies Jahr 2014 und den Mut, auch mal wegzuschauen.
 

Der Tod geht auf Tournee

Man kann ihn sich ja vorstellen, den Sensenmann, wie er grinsend hinter dem Fallschirmspringer im Flugzeug sitzt. Nun kann man ihn sogar live sehen – Der Tod geht auf Tournee.

Fast 4400 Fans hat Der Tod schon auf seiner Facebook-Seite, auf der er wie folgt schreibt. „Sterben hatte bisher einen recht negativen Ruf. Damit ist jetzt Schluss. Nun startet der Sensenmann eine beispiellose Image-Kampagne quer durch die Republik.“

Die Website des Todes heißt endlich-tod, die Bühne betritt er in schwarzer Kutte und mit düsterer Musik. Wenn er anfängt zu sprechen, der gesichtslose schwarze Mann, schiebt sich ein Fragezeichen in die eigenen Gedanken, denn – der Tod spricht wie der kleine Nils, ein Telefonstreichcharakter eines bekannten mitteldeutschen Radiosenders. So hört er sich also an, der den alle fürchten. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Jetzt wohl keiner mehr.

Kann man den Tod so verhohnepiepeln? Wie viel Respekt gebührt ihm eigentlich? Im Alltag immerhin so viel, dass wir gar nicht über ihn sprechen. Die Kommunikation über das Thema Tod ist im Normalfall so wie wenn man über Lord Voldemort, den erbitterten Feind von Harry Potter, spricht. Er ist schlichtweg Der-dessen-Namen-man-nicht-nennt. Und nun scheint es also, als würde Der Tod nicht länger warten, dass wir über ihn reden, sondern er ergreift selbst das Wort. Unser Verhältnis zum realen Sterben wird er wohl nicht verändern, aber wenigstens kann man seinen Namen nun nennen.
 

Dem toten Menschen begegnen

Wer von uns hat schon einmal einen toten Menschen gesehen? Die Zeiten, da die Familie um den Verstorbenen saß, trauerte, wachte und Kondolierende empfing, sind längst vorbei. Meist bekommen die Angehörigen Oma oder Opa gar nicht mehr zu Gesicht, weil diese direkt vom Bestatter abgeholt und eingesargt werden. Nur die wenigsten nutzen die Möglichkeit den Verstorbenen noch bis zu 36 Stunden zu Hause zu behalten und sich in Ruhe zu verabschieden oder einen Abschied am offenen Sarg zu gestalten.

Es gibt viele Gründe, warum dies so ist: Die Bräuche haben sich geändert, man weiß nicht, was möglich ist oder man hat Angst vor dem Toten. Alte Legenden wie die Sage vom Leichengift, das angeblich aus einem toten Menschen hervortritt, halten Angehörige ebenso davon ab, einem toten Menschen noch einmal zu begegnen, wie die Angst vor Geruch.

Bei dem „normalen“ Sterben, im besten Fall zu Hause, kann man davon ausgehen, dass sich der Mensch nach dem Tod zwar verändert, aber nicht derart, dass der Anblick jemandem schaden kann. Auch wenn es zunächst Überwindung kostet, sich dem Tod zu nähern, kann die Erfahrung sehr gut tun. Dabei entscheidet jeder selbst, wo die Grenzen sind.

Der Alltag sieht indes anders aus. Oft gibt es zwischen dem lebenden Menschen, an den man sich erinnert, und der Urne, die in einem Loch verschwindet, kein Bild des Übergangs mehr. Ich selbst habe alle möglichen Zwischenschritte erlebt, die Begleitung beim Sterben, den Abschied von der Toten, die Sargfeier und dann erst der letzte Schritt. Das hat mir dabei geholfen zu begreifen, dass der Mensch in eine Urne passt.

 

Wer ist tot?

In Traueranzeigen und auf Kondolenzkarten finde ich oft Sprüche, die besagen, dass jemand, an den man sich erinnert, nie wirklich tot ist. Auch wenn der Körper weg, wenn die materielle Realität eines Menschen vergangen ist, so bleibt er am Leben in unserem Kopf, in unserem Herz, in unserer Vorstellung.

Nun ist das freilich eine sehr romantische Vorstellung, die auch eher symbolisch als wissenschaftlich fundiert ist. Dennoch eröffnet sich hier eine Frage: Wer ist eigentlich tot?

Ärzte gehen davon aus, dass ein Mensch tot ist, wenn sein Gehirn keine Vitalität mehr zeigt. Diese Definition ist besonders vor dem Hintergrund von Organtransplantationen sehr umstritten. Wenn ein Angehöriger zu Hause stirbt, muss ein Arzt gerufen werden, der den Tod feststellt. Die Medizin bestimmt, was tot sein bedeutet.  

Der Mensch kann drei Arten des Todes erfahren: den körperlichen, den psychischen und den sozialen. Das körperliche Sterben ist sichtbar und geht einher mit Alter oder Krankheit. Am Ende dieses Sterbens ist der Körper tot, es ist ein unumkehrbarer Moment entstanden. Der Mensch ist verstorben, körperlich, psychisch und sozial zumindest soweit, dass er keine realen Kontakte mehr hat. Im gemeinschaftlichen Gedächtnis kann er am Leben bleiben. Das psychische Sterben ist definiert als der Verlust des Bewusstseins oder als Todeswunsch. Das Leben der Seele, der Identität nimmt ein Ende. Demenzpatienten sterben lange vor dem körperlichen Tod einen psychischen, denn sie existieren nicht mehr als die, die sie waren. Manchmal kommt in diesem Fall auch der soziale Tod. Diese Art des Todes ist bedingt durch sozialen Abstieg, Rollenverlust oder einfach das Vergessenwerden. Dieser Tod trifft alte einsame Menschen, Obdachlose, Hilfsbedürftige und viele andere, die keine sozialen Kontakte mehr haben.

Dem körperlichen und dem psychischen Sterben kann nur die Medizin begegnen; doch der soziale Tod ist eine Herausforderung, die uns zum Lebensretter machen kann. Indem wir besuchen, schreiben, telefonieren, helfen und eben nicht die Menschen vergessen, die in unserem Umfeld sind.

Jemand hat geschrieben: Denke nicht darüber nach, welche Blumen du einst an mein Grab tragen möchtest. Bring mir lieber heute welche, wenn ich noch lebe.

So, machen wir das.

 

Der Tod im November

Wenn der Tod einen Lieblingsmonat hat, dann muss es der November sein. Denn in diesen Tagen sieht man ihn überall – im Fernsehen, im Netz in Zeitungen und Zeitschriften. Alle schreiben über das Thema, über das sonst keiner reden will. Fast pünktlich zum Start des Monats tauchte in einem großformatigen Boulevardblatt auch die Geschichte des Gernot Fahl auf. Der 69jährige hatte sich entschieden, seinem Leben, das durch seine Krebserkrankung und die Folgen unerträglich geworden ist, in der Schweiz ein Ende zu setzen. Gemeinsam mit einem Freund nahm er die schwere Reise auf sich, um in einem Hotel eines Vereines zur Unterstützung des assistierten Suizids einen Medikamentencocktail zu sich zu nehmen, der ihm endlich Ruhe schenkt. Doch im wichtigsten Moment auf diesem Weg verließen ihn seine letzten Kräfte. Er war am Ende schlichtweg zu schwach, um den kleinen Plastikbecher zu halten, in dem sich seine Erlösung befand. Die Ärzte konnten ihm nur einen Trinkhalm reichen, mehr Hilfe ist auch in der Schweiz nicht erlaubt, doch mehr Hilfe hätte es benötigt.

Gernot Fahl hat es nicht geschafft, seinen Weg nach seinem Wunsch zu Ende zu gehen und er kam in ein Schweizer Spital, in dem er auf seinen Tod wartete. Mit letzter Kraft verneinte er noch weitere Hilfsmaßnahmen, so dass der Tod kommen konnte ohne weiter aufgehalten zu werden

Auch wenn ich sofort die Argumente des Für und Wider der Sterbehilfe in mir widerhallen hörte, meldete sich mein Mitgefühl und ich wünschte ihm so sehr, dass er endlich sterben kann. Und ich hoffte auch für mich, die ich den Fall verfolgt habe, dass es bald ein Ende hat. Wie viel Tod können wir sehen, wie viel Tod ertragen?

Der November wird viele dieser Geschichten vorstellen oder Erinnerungen wecken. Wer ihn sucht, wird den Tod in allen Medien finden. Mit dem Volkstrauertag und dem Totensonntag begeht auch die Gesellschaft besondere Gedenktage. Es ist ein trüber Monat, es kommen traurige Momente. Eine gute Zeit, um sich Gedanken über ein Thema zu machen, über das eigentlich keiner reden will, das uns alle betrifft.

 

Die Patientenverfügung

Die Patientenverfügung

In einer Patientenverfügung können Sie festhalten, welche medizinischen Maßnahmen für Sie im Ernstfall getroffen werden sollen.

mehr

Was tun im Todesfall

Was tun im Todesfall

Gerade, wenn ein Angehöriger plötzlich stirbt, wirkt der Todesfall wie ein Schock. Viele Hinterbliebene wissen dann oft nicht, welche ersten...

mehr

Der richtige Bestatter

Der richtige Bestatter

Den richtigen Bestatter zu finden kann schwierig sein. Dabei kommt es gerade jetzt darauf an, dass Sie den richtigen Berater an Ihrer Seite ...

mehr

Feuerbestattung

Feuerbestattung

Auch, weil vor allem die Folgekosten wesentlich niedriger sind, werden Feuerbestattungen immer beliebter.

mehr
Mehr aus Die letzte Kolumne